22.45 Ortszeit Mali. Die Air France Maschine ist in Bamako, der Hauptstadt Malis, gelandet. Die Kabinentür öffnet sich. Langsam steige ich die Gangway hinunter. Ankunft im Terminal wenige Minuten später. Inice…Inice! Die Augen des etwa 12-jährigen Jungen, der mit anderen zusammen uns zuwinkte, blitzen mich an! Inice bedeutet etwa soviel wie Willkommen oder Hallo…je nach Betonung. Ich drehe mich um, um mich zu vergewissern, ob jemand anderes gemeint war. Aber ich bin der letzte der Fluggäste, der die stickige, heiße und mit einem leichten Schweißgeruch durchzogene Ankunftshalle betritt. Ich hab ihn noch nie zuvor gesehen.

Gefühlte 2 Stunden (effektiv 30 Minuten!) später, nehme ich die Kampftasche und den BW-Rucksack vom Laufband und will zum Ausgang eilen.„Stopp! Visa please!“ Der Polizist drückt mir einen Visumsantrag in die Hand. „Fill out, please!“ Wahrheitsgemäß alle Angaben gemacht: Bundeswehr Einsatz, Mali, 7 Wochen, Heimatadresse, Geburtsdatum, Telefonnummer des Heimatwohnortes, Postleitzahl…..

Der Antrag wird nicht gelesen, sondern abgeheftet oder besser gesagt in einen Schuhkarton eingeworfen. Ob das in Deutschland auch so passiert wäre? Beim Verlassen des Flughafens durchzuckt mich der Gedanke: Das ist also Afrika: heiß, provisorisch was Ordnung angeht und freundlich wie der fremde Junge bei der Begrüßung am Flughafen. Dieser Eindruck sollte sich in den nächsten 7 Wochen vielfach bestätigen. In der Wartehalle treffen wir auf die 2 Wagenbesatzungen, die die einreisenden 7 Soldaten (Ärzte, Logistiker, KFZ-Feldwebel etc.) zusammen mit mir im Kleinkonvoi in das 60 km entfernte  Camp GECKO (German Camp Koulikoro) bringen.

„Warum 2 Autos?“  „Wir sind im Einsatz, vergessen Sie es bitte nicht!“ gab mir der freundliche und erfahrene S1 Hauptmann zur Antwort. Er hatte recht: Natürlich ist es im Süden Malis, wo die Europäer die Ausbildungsmission durchführen, friedlich und es gab bis dato keine nennenswerten Attacken. „Aber im Norden Malis wird gekämpft,“ das wurde uns beim In-Briefing (Lageeinweisung für neuangekommene Soldaten) mehrfach –zu Recht- nahegebracht.

Während der Fahrt zum Camp nach Koulikoro haben wir Glück, wenn man die diversen Schlaglöcher, die nach einem Regenschauer sich explosionsartig vertiefen, rechtzeitig erkennt. Das ist vielleicht auch der Grund für die unglaublich große Anzahl von Mopeds und Mofas. Diese Fahrzeuge können am Besten und damit auch am Elegantesten den Schlaglöchern ausweichen.  Möglichst in 4-er Reihen nebeneinander. Frei nach dem Motto: Wer bremst, hat verloren! Dann nach 2 Stunden (60 km!) Herzliche Aufnahme im deutschen Teil des europäischen Camps.

Das von der EU-Mission geführte internationale Camp erstreckt sich entlang des Nigers rechteckig auf ca. 300*200 Meter. Es ist das Gelände der malischen Armee, die dort immer schon ihre eigenen Soldaten ausgebildet hat. Nun teilen sich die Malier den Platz  mit der Trainingsmission. Aufgabe ist es, die malischen Batallione in mehrwöchigen Trainingskursen auf den Kampf mit den Terroristen im Norden des Landes vorzubereiten. Dazu brauchen die malischen Soldaten diverse Grundfertigkeiten: Formalausbildung, Täuschen und Tarnen im Gelände, Umgang mit der Waffe, Vermittlung von elementaren Menschenrechten, sanitätsdienstliche Fertigkeiten etc.

Zur Trainigsmission gehören diverse europäische Länder die ihre Soldaten für eine Zeit von 4-6 Monaten nach Mali verlegen. Geführt wird diese EU-Mission derzeit von einem französischen Oberst.  Auch die Deutschen Soldaten beteiligen sich an dieser Mission. In diesen Monaten ist hier die Deutsch-Französische Brigade aus Donaueschingen präsent. Sowohl in der Ausbildung an den Soldaten, als auch zusammen mit Österreichern und einer Ungarin in der Verwundetenversorgung: Diverse Sanitätscontainer stehen dafür auf dem Exerzierplatz dafür bereit , mit der Qualität und den Leistungen eines deutschen Kreiskrankenhauses. Darüberhinaus werden auch malische Soldaten und ihre Familien bei Bedarf versorgt, wenn sie ernsthaft erkrankt sind und andere Hilfe nicht möglich ist. Im Worst-Case-Szenario kann sogar ein Medivac (medizinisches Evakuierungsflugzeug) aus Deutschland angefordert werden. Ich selber wohne im deutschen -dem Lager „angeflanschten“- Supportelement in einem ca. 12 qm großen Bürocontainer. Die Bundeswehr hat aus verschiedenen Gründen eine eigene Stromversorgung, Wasseraufbereitung sowie ein technisch hervorragend kontruiertes Containermodul für den Nachschub der deutschen Kräfte incl. Sanität dort hingebaut.

Die evangelische und katholische Militärseelsorge sowie der Psychologische Dienst der Bundeswehr sind im 6-7 Wochen Wechsel im Ganzen Jahr präsent und nutzen gemeinsam einen Bürocontainer, der auch als Schlafcontainer dient. Die Soldaten scheinen dieses Angebot auch nicht nur gut zu finden, sondern auch gut zu nutzen. Wenn man sich „auf die Socken macht“ zu den Menschen, gibt es genügend Anknüpfungspunkte.

Gepäck im Container abstellen. Dann als Erstes:

T-R-I-N-K-E-N

Zuviel trinken geht nicht. Trinken, soviel man kann. Tagsüber mindestens 3 Liter! Fürs erste reicht ein Liter und ein Bier (musste sein!)

 

In  den nächsten Tagen gestaltete sich der Ablauf ähnlich dem in anderen Auslandseinsätzen als Militärseelsorger: Lager und später Umgebung erkunden, sich vorstellen, Menschen kennenlernen, Angebote machen, der Militärseelsorge ein freundliches, vielleicht unorthodoxes aber zugewandtes und verlässliches „Gesicht“ geben. Schnell war klar: Jeder packt mit an und war Teil des Ganzen: „ONE MISSION ONE TEAM“ ist der Leitspruch/das Motto dieser EUTM Mission. Fast unzählige europäischen Länder nehmen daran teil, um auf Einladung der Malischen Regierung, malischen Soldaten kurzgefasst: Im Kampf gegen den Terrorismus im Norden des Landes auszubilden. Dabei legen die Verantwortlichen darauf wert, dass die Ausbilder der EUTM Mission selber nicht in Kampfhandlungen eintreten, sich geographisch sogar nur im Süden des Landes bewegen dürfen.

Mein Ziel war, neben den „Standards“ von internationalen Gottesdiensten im Camp (englische Sprache) und vielen Gesprächen –von Beziehungsproblemen während des Einsatzes über Erziehungsfragen bei schwererziehbaren Kindern bis hin zu Information über den Auftrag der Militärseelsorge-den Kontakt zur Zivilbevölkerung über möglichst kirchliche Institutionen des Ortes herzustellen. Das war zuerst nicht einfach. Mein Französisch (offizielle Sprache in Mali) war nicht gut genug für tiefergehende Kontakte. Bambara (die am stärksten vertretende afrikanische Sprache) zu fremd, um außer einige Begrüßungsfloskeln (z.B. Inice) sich zu verständigen.

Neben vielen positiven Eindrücken (Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, religiöse Toleranz: das Nebeneinander von Islamischen und christlichen Gemeinden sowie animistischer Stammestradition (Voodoo!) gibt es aber auch abschreckenden Beispiele malischer Kultur: z.B. der achtlose Umgang mit der Schöpfung: ich habe noch nie in meinem Leben soviele Müllberge und Plastiksäcke voller Unrat am Straßenrand gesehen wie in Mali. Es gibt in diesem Land keine organisierte Müllentsorgung. Alles wird irgendwo liegengelassen und im Bedarfsfall verbrannt. Sogar vor dem einzigen Krankenhaus in der Hauptstadt Bamako. Schrecklich! Es zerreißt mir das Herz! Und dann der Umgang mit den Tieren: Tiere sind Nutztiere, die wie im Falle der vor den Karren gespannten Esel vielfach mit Eiterbeulen übersät sind. Die Stöcke der Eseltreiber nehmen keine Rücksicht darauf.

Aber dann war da aber noch ein Pilotprojekt der Ev. Militärseelsorge, welches ich versucht habe, weiterzuentwickeln:

Ziel: Möglichst vielen Soldaten, die zumeist eine Einsatzzeit von 4-6 Monaten haben , ein Time-Out-Seminar (T-O-S-) zu ermöglichen. Eine Kurzrüstzeit von 26 Stunden in erreichbarer Nähe. Natürlich ist der Mali Einsatz kein Kampfeinsatz wie in Afghanistan und die Gefährdung hält sich auch in Grenzen. Aber 4-6 Monate im Prinzip abgeschottet zu sein, nur mit vorheriger Anmeldung „raus“ zu können…und dann nur in Gruppen war für mich Grund genug, den Soldaten die Möglichkeit einzuräumen, einmal für 26 Stunden auch mal für sich alleine sein zu dürfen. Zumal die meisten von Ihnen in der Regel zu zweit…manchmal auch zu dritt oder zu viert auf dem Zimmer sind. Nach mehreren „Recherchefahrten“, die wiederum extrem kurvig an geschätzten 20.000 Schlaglöchern vorbeizogen, erreichen wir ein……Kleinod, fast ein Paradies: Auf einer Anhöhe unweit des Nigers ein ca. 20 Hektar großes Gelände, welches sich wellig in die Landschaft einfügt. Schwimmbad, Radfahren, Bogenschießen, Badminton inclusive. Durchzogen von festausgebauten und in der Dunkelheit beleuchteten Wegen. Schaukelliegestühle (Hab ich zuvor noch nie gesehen…wunderbar!) und eine Bar mit Lounge-Charakter. (www.lecampement.com)

Henry und Marian sind französische Middle-Age-Aussteiger. Nicht aus Frustration über ihr Leben, eher um einen Traum zu verwirklichen.Sie wollten beide nur Trommeln herstellen und verkaufen, sind aber geblieben und haben ein Refugium besonderer Art kultiviert: Eine Wasserquelle entdeckt, Bäume gepflanzt, Hütten im African Style gebaut, ein Freizeitcamp gebaut und T-Shirts mit dem Aufdruck „Back to Bamako“ entworfen.

Im Bild gesprochen: Am Ende der Welt eine Oase zu entdecken, in der afrikanische Kultur mit einem nahezu europäischen Komfortstandard zu einigermaßen bezahlbaren Preisen zu finden war, schien auf den ersten Blick unglaublich….aber wahr! Swimmingpool, Einzelhäuser in afrikanischer Bauweise (Einzelzimmer!) –aber mit Moskitoschutz und Klimaanlage-Sportmöglichkeiten, gutes Essen und das kombiniert mit naturnaher Erholung war ein Traum für sich. Jedenfalls fand es Zuspruch bei den Soldaten. 4 Gruppen mit jeweils 15-18 Personen haben dort eine AUSZEIT für 26 Stunden verbracht. Natürlich mit Gesprächsrunden zu Malischer Kultur und Religion, natürlich mit Andachten und viel WM Fußball nebenbei!

7 Wochen gingen schnell vorbei. Was bleibt: Neben der Kameradschaft  unter den Soldaten die unglaubliche Freundlichkeit der Malier, insbesondere der Kinder am Wegesrand.Es verging kein Kilometer, wo nicht ein Kind uns im Auto zugewinkte. Die Soldaten, insbesondere die Deutschen haben einen guten Ruf in Mali. Immerhin hat Deutschland das unabhängige Mali als Erstes anerkannt.

Häufiger habe ich erlebt, dass Kinder auf mich zukamen, winkend und mit lachenden Gesichtern. Dabei haben sie sich nicht verkniffen, die Hände zart an meiner Hand zu reiben, um sich davon zu überzeugen, dass die weiße Farbe echt ist. Dies verwunderte mich umso mehr, als die nahezu unglaubliche Armut dieses freundlichen, liebenswerten und zudem musikalischen Volkes (Durchschnittseinkommen 160 Dollar pro Jahr!)  in einem krassen Gegensatz hierzu aus den einfachen Lehmhütten hervorlugte. Das machte mich nachdenklich, beschämt und bescheiden!

Inice-Hallo guten Tag

Ein Junge am Flughafen –es war ein anderer als 7 Wochen zuvor- schaut sich nach mir um, während er seine Mutter an der Hand festhält und ich versuche, mit einigen Lippenbewegungen seinen Gruß zu erwidern!

Back to Bamako

(ACT)

(Dieser Beitrag stammt aus dem Jahr 2014)

 

 

 

 

 

 

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Ev. Militärdekan an der Führungsakademie der Bundeswehr Hamburg, BMW Biker etc.

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