Buchrezension: Kollateralopfer

Kollateralopfer, Die Tötung von Unschuldigen als rechtliches und moralisches Problem, Hrsg: Matthias Gillner/Volker Stümke, erschienen in der Reihe: Studien zur Friedensethik Band 49, 1.Auflage 2014, Aschendorff Verlag, gebundene Ausgabe, 258 S.

Ausgehend von den Luftschlägen in Afghanistan (Kundus) am 4. September 2009, hatte das „Internationale Forum Berufsethik an der Führungsakademie Hamburg“ vom 24.-26. Juni 2013 zu einer wissenschaftlichen Tagung über Kollateralopfer und militärische Operationen eingeladen.

Ist der verfassungsmäßige Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel ein legitimes Kriterium in einer zunehmenden Lage asymmetrischer Kriegsführung?

Der rezensierte Tagungsband  ist der sehr gelungene Versuch, diese aktuelle ethische Debatte zusammenzufassen und  hierzu eine Auswahl von wissenschaftliche ausgewiesenen Experten einzuladen.

Dabei geht es in dem Sammelband nicht nur um ein rechtliches und moralisches Problem, schon gar nicht nur aus juristischer oder theologischer Sicht. Die eindrückliche Bestandsaufnahme interdisziplinärer wissenschaftlicher Erträge liest sich spannend und abwechslungsreich und schärft diesbezüglich die Urteilskraft.

Der Band beschäftigt sich zwar auch mit den Vorgängen in Kundus 2009 (so etwa in der bewegend zu lesenden Tagebuchaufzeichnung von M.Zimmermann (2009 Kompaniechef der QRF in Afghanistan, S. 31ff.) und deren politische Analyse (J.Thießen, S.39ff.) geht aber in der Anlage und Struktur der Tagung weit darüber hinaus. Zu Recht!

Der wesentliche Gehalt dieses Buches liegt in der Interdiziplinarität dieser Debatte. So zeigen P.Zimmermann und H.v.Schubert feinfühlig und differenziert aus medizinischer und militärseelsorgerlicher Sicht auf, wie Soldaten nach den Einsätzen fachlich-humanitär begleitet werden können.

Vor dem Hintergrund der Kategorien von Macht und Ohnmacht plädiert der Theologe V.Stümke für Weisheit und Demut als Parameter, um den eigenen Glauben an die Machbarkeit nicht zu groß werden zu lassen. Wie wahr!

M.Gillner fasst am Ende zusammen und plädiert mit seinen „7 Thesen für eine öffentliche Debatte“, (Seite 249ff) für einen angemessenen Sprachgebrauch (streiche: Kollateralschäden, setze: Kollateralopfer!) und verneint den  „Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“ bei Kollateralopfern.

Viele andere gute Beispiele (so etwa G.Hankel zu den Problemen und Herausforderungen des Humanitären Völkerrechts oder M.Haspel zu den ethischen Herausforderungen der Tötung von Zivilpersonen) können hier erwähnt werden, sprengen aber den gebotenen Rahmen dieser Rezension.

Bleibt zu wünschen, dass die Erträge dieses ausgezeichneten Sammelbandes Eingang in eine öffentliche Debatte finden. Gerade in einer Zeit, in der die Diskussion um die (halb)-automatische Kriegsführung in Europa noch verhalten geführt, in den USA aber schon entschieden ist.

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Ev. Militärdekan an der Führungsakademie der Bundeswehr Hamburg, BMW Biker etc.

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